Farrow and Ball Kreativdirektorin Charlotte Cosby im Interview

Im Kosmos der Raumausstatter und Maler hat Charlotte Cosby einen der begehrtesten Jobs überhaupt: Sie ist die Kreativdirektorin beim renommierten Farbenhersteller Farrow and Ball.

Im Rahmen einer 3-tägigen Fachtagung im englischen Wimborne, dem Sitz von Farrow & Ball, hatte ich die Gelegenheit für ein kurzes Interview mit Charlotte Cosby. Nicht nur, dass der F&B Farbton Nr. 268 ihren leuchtend orange-roten Haaren zufolge „Charlotte’s Locks“ benannt wurde, ist sie auch Autorin eines Buches mit dem Titel „Stilvoll wohnen mit Farbe“, sowie preisgekrönte Bloggerin. Kein Wunder, dass die Quereinsteigerin in ihrem Metier eine der gefragtesten Interviewpartnerinnen überhaupt ist:

Charlotte Cosby und Marco Adler

Hallo Charlotte, seit wann bist Du bei Farrow and Ball?
Letzten November waren es 10, also jetzt schon fast 11 Jahre. Eine verdammt lange Zeit!

Wie bist Du an diesen Job gekommen und was hast Du vorher gemacht?
Ich hatte Glück und war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Davor habe ich mal für eine Bank in der Schweiz Marktforschung betrieben.

Das klingt nach etwas völlig anderem.
Ja, das ist wirklich ganz anders. Ich fand es zu langweilig und habe mich entschlossen zu gehen. Es gab einige Stellen, die nicht gepasst haben. Ich habe Wirtschaft studiert, aber in meiner Freizeit war ich immer kreativ. Ich habe schon immer gerne Mathematik und Kreatives nebeneinander gemacht. Konnte ich nur eines ausleben, wurde es schnell problematisch.

Du kannst Dich bei Farrow & Ball also analytisch und kreativ austoben?
Ja, absolut! Ich liebe es, dass ich hier beides parallel tun kann. In meinen bisherigen Jobs hatte ich nur kleine Teilbereiche des Ganzen zu bearbeiten, was mich gelangweilt hat. Meine Toleranzschwelle, was Langeweile angeht, ist ziemlich niedrig. Das geht bei mir ziemlich flott. Und: wenn ich mich langweile, verliere ich jegliches Interesse. Das Ende vom Lied ist, dass ich es selten länger als 6 Monate irgendwo ausgehalten habe. Als ich dann bei Farrow and Ball gelandet bin, wurden mir immer neue Herausforderungen übertragen. Aus diesem Grund bin ich schon so lange dabei. Ich kann hier beide Seiten meiner Persönlichkeit ausleben. Für mich ist es aufgrund der Vielfalt der perfekte Job!

Außerdem ist hier jeder mit Leib und Seele dabei, voller Energie und Tatendrang. Hier hat nicht nur jeder eine Persönlichkeit – hier ist jeder eine! Es macht Spaß, hier Ideen untereinander austauschen zu können. Als ich noch für diese Bank tätig war, sind die Meisten morgens mit langen Gesichtern zur Arbeit gekommen und haben halt ihren Job gemacht bis sie abends wieder nach Hause konnten. Ich wache morgens auf und denke: Ja, genau das ist es!

Hast Du viele Freiheiten?
Mir wurde bei Farrow and Ball von Anfang an großes Vertrauen entgegengebracht und man hat mich einfach machen lassen. Mir war das nicht bewusst – ich dachte, das läuft in allen Unternehmen so. Aber dem ist nicht so. Ehrlich gesagt, war mir lange nicht klar, was ich für ein Glück hatte. Da ich hier ja schon mit 23 angefangen habe, hatte ich noch nicht so viele Unternehmen kennengelernt, um beurteilen zu können, dass es nicht überall so ist wie hier.

Sie unterstützen auch meine verrückten Ideen. Einmal habe ich zum Beispiel gefragt, ob ich ein ‚Milk float‘ machen kann und sie haben sofort zugestimmt. Ich dachte nur, wie cool ist das denn und habe mich daran gemacht. Die Freiheiten, die ich hier habe, sind wirklich fast grenzenlos. So haben sie mich eigentlich in eine Falle gelockt, in Ketten gelegt!

Charlottes Milchwagen (Milk float)

Du arbeitest ja mit einem ganzen Team. Gibt es da noch mehr Charaktere wie Dich?
Ja, beispielsweise Shane, mein „3D-Typ“, der ist wirklich unglaublich, sieht aus wie ein Zauberer und ist schon seit 17 Jahren hier. Und dann ist da noch meine Kollegin vom Art-Team. Wir arbeiten alle schon ziemlich lange zusammen. Mein Team ist mit am längsten an Bord. Es ist ein bisschen, wie in einer Familie: Wir können streiten, ohne, dass danach einer sauer ist, also ein wenig wie Geschwister. Jeder hat bei uns die Freiheit, zu sagen, wenn ihm etwas nicht gefällt.

Wenn du morgens zur Arbeit gehst, wie läuft dass dann? Kommst Du dann schon mit dem Vorsatz, dass Du heute ein neues „Gelb“ oder eine neue Küchentapete kreieren musst?
Manchmal ja! Nur ist es natürlich nicht so, dass ich ständig Farben oder Tapeten designe.
Ich weiß natürlich, dass Frühling und Herbst umsatzstärksten Jahreszeiten sind.
Deshalb bringen wir neue Kollektionen logischerweise immer zu diesem Zeitpunkt raus. Eine neue Tapete hat einen Vorlauf von etwa einem Jahr und ein neuer Farbton von ca. 18 Monaten. Während der restlichen Arbeitszeit, muss ich ständig viel Neues lernen, verstehen, Dinge einfach aufsaugen. Aus diesem Grund reise ich viel von Messe zu Messe, um immer auf dem neusten Stand zu bleiben, mich inspirieren zu lassen.
Wenn ich dann morgens die Firma betrete, weiß ich schon, dass zum Beispiel die Marketingabteilung noch etwas braucht. Vielleicht etwas für ein Video, so dass wir dann dafür eine Story ausarbeiten. An anderen Tagen sitze ich dann an Exceltabellen, um zum Beispiel die beste Farbzusammenstellung für eine neue Tapete herauszufinden. Und genau diese Abwechslung ist es, die ich so liebe.

Auch Farben eine eigene Persönlichkeit zu geben?
Das passiert eigentlich erst, wenn wir sie in einem Raum sehen. Ich mache die Farben ja nicht alleine. Da gibt es ein ganzes Team, das sich damit beschäftigt. Ich glaube, unsere Farben sind so, weil wir wie Kinder mit unseren Farben spielen. Wir machen also aus unseren bestehenden Farben neue, malen sie auf Papier und reichen sie ans Labor weiter. Es würde nicht funktionieren, wenn ich zum Labor sage, macht mir ein Grün mit einem Schwarzanteil. Dann würden sie sofort zurückfragen, wieviel Schwarz und wie dunkel soll das Grün denn sein. Also mischen wir selbst und erst dann kommt das Labor ins Spiel. Dann aber, wenn man einen Raum betritt, der nun erstmalig mit diesem neuen Farbton gestrichen ist, dann kann man es plötzlich fühlen. So war das auch mit einer unserer jüngsten Farbtöne: Cromarty (Nr. 285), eine Variante eines blasgrünen Farbtons. Als wir ihn das erste Mal ausprobiert haben, hatte ich noch kein Gespür für die Geschichte dahinter. Nicht falsch verstehen, bitte: Er hat mir richtig gut gefallen! Aber erst als ich diesen neuen Ton einmal komplett um mich herum in einem Raum hatte, habe ich das gewisse Etwas gespürt. Und plötzlich war es da, das Gefühl. Reinkommen – Entspannen. Das ist dann der Punkt an dem wir beginnen, die Geschichte zu erzählen, den Namen zu generieren usw.

Klingt wunderbar.
Ist es auch. Es ist tatsächlich die physische Erfahrung, die mir dabei hilft.

Hast du eine besondere, eine persönliche Beziehung zu Euren Farben?
Ich bin verrückt nach Stiffkey blue. Ich kann nicht wirklich erklären warum, aber es ist einfach meine Lieblingsfarbe. Ich liebe sie einfach.

Dann ist also deine komplette Wohnung…
Naja, also eigentlich ist nur meine Küche in diesem speziellen Farbton, aber ich sehe diese Farbe ja arbeitsbedingt beinahe täglich. Aber ich musste damit aufhören, weil jeder wusste, dass ich verrückt nach diesem Ton war. Jedes Mal wenn wir wieder eine neue Tapetenkollektion kreiert hatten, hieß es dann immer: ‚oh schon wieder Stiffkey blue?‘. Sie sieht einfach immer wieder gut aus. Sie ist definitiv einer meiner ganz großen Favoriten.

Charlottes Küche in ihrer Lieblingsfarbe Stiffkey blue.

Welche Farbtöne haben es Dir sonst noch angetan?
Aber jedes Mal, wenn wir neue Farbtöne herausbringen habe ich ein paar neue Favoriten. Bei den aktuell neuen Tönen ist es zum Beispiel Pale Powder (Nr. 204). Von dem war ich auch ganz besessen, ebenso von Vardo (Nr. 86).

Warum Vardo?
Vardo ist wirklich toll! Es bringt alles perfekt zur Geltung und hat eine unglaubliche Tiefe. Wie gesagt, ich habe immer ein paar Farben, nach denen ich gewissermaßen verrückt bin. Bei der neuen Tapetenkollektion kann man das auch wieder ganz gut beobachten. Vardo wurde ausnahmslos bei allen verwendet. Ich denke, es ist wirklich gut, wenn man zu den einzelnen Farben eine persönliche Beziehung aufbaut. Das allerbeste ist jedoch, wenn man einen alten Farbton, wie zum Beispiel India Yellow (Nr. 66), wieder neu entdeckt. Dieser Ton, der schon Ewigkeiten auf den Farbmusterkarten ist, von dem man weiß, dass man ihn auch schon benutzt hat, aber inzwischen doch wieder vergessen hat. Und plötzlich sieht man den zusammen mit neuen Farbtönen und man denkt sich: „Meine Güte, wo hat der sich denn mein ganzes Leben versteckt“. Das ist wie eine Neuentdeckung dieser Farbe und für mich jedes Mal wieder richtig spannend.

Bist du besonders stolz auf Farben wie Vardo?
Nein, nicht wirklich. Die natürlichen / neutralen Farbtöne, auf die sind wir richtig stolz. Wir bei Farrow and Ball können wirklich bieten, was die Leute bei sich zu Hause haben wollen. Da denkt man dann immer „Bingo! Das ist es!“ Letztlich sind es unsere Farben, die dem Raum und der Einrichtung zum Leuchten bringen. Nehmen wir an, Du hast ein Sofa, das du wirklich magst. Wenn du das vor eine Wand stellst, die in Stiffkey Blue, Vardo oder Railings (Nr. 31) oder einer ähnlichen Farbe gestrichen ist, sieht es plötzlich atemberaubend aus und zehnmal so teuer, wie es wahrscheinlich war. Diese Farben haben Magie und Tiefe und deshalb liebe ich sie so sehr. Allerdings sind sie für viele Menschen eine mutige Entscheidung. Viele Menschen finden sie zu krass, vor allem, wenn sie sich in einem Raum entspannen wollen. Viele wollen es heller haben. Ich denke aber, man sollte sich trauen. Ich versuche Menschen von kräftigen Farben zu überzeugen.

15.09.17